1983: Da stand ich nun. Ich hatte zwar eine Matratze im Zeltlager, aber kein Geld. Also musste ich wie alle Anderen schnorren gehen. Su zeigte mir, wie es geht.

Am liebsten standen wir zu zweit am Görlitzer Bahnhof am Fuß der Treppe. Am Ausgang war es schwerer für die Bullen und die Kontrolettis, uns zu vertreiben, weil wir nicht mehr auf dem Gelände der BVG waren. Am Kotti hielten wir uns auf, um mit den anderen zu trinken, zu quatschen und die Zeit zu vertreiben, aber das meiste Geld war am Görlizer zu holen. Zusammen zwanzig Mack pro Stunde war der Durchschnitt.

Natürlich ist Schnorren kein Zuckerschlecken. Ich stellte schnell fest, dass Menschen, die selbst nicht viel zum Leben haben, am großzügigsten sind. Das Problem waren die Gutsituierten. Es gab immer wieder nette Worte: »Penner«, »geh‘ mal arbeiten« oder »euch sollte man alle einsperren« waren normal. Am besten hat mir jedoch »sowas wie dich hätten wir zu Hitlers Zeiten sofort vergast« gefallen.

Mich hat erschreckt, zu sehen, wie gleichgültig der Mensch seinem Gegenüber sein kann. Am deutlichsten wurde es mir bewusst, als Su und ich eines Morgens am Görlitzer standen, um uns unser Frühstück zu verdienen. Eine ältere, gutgekleidete Frau kam mit zwei vollgepackten Einkaufstaschen die Treppe herunter. Sie taumelte, sah desorientiert aus und ließ sich plötzlich auf die Treppenstufen sinken. Die sofortige, mitleidlose Reaktion der Vorbeigehenden war »guck‘ dir das an, am frühen Morgen schon besoffen.«

Su und ich gingen zu ihr rüber, um sie zu fragen, ob wir ihr helfen könnten. Sie sagte uns, dass ihr Termin beim Arzt länger als geplant gedauert hatte, sie aber trotzdem einkaufen gehen musste und sie jetzt weit über der Zeit für ihr Insulin sei. Zum Glück war auch damals schon ein Imbiss direkt unter der U-Bahn, zehn Schritte von der Treppe entfernt. Wir versorgten die Frau sofort mit Wasser und Zuckerwürfeln vom Imbiss, und als es ihr wieder besser ging, begleiteten wir sie nach Hause. Zum Dank schenkte sie uns 50 Mack.

Nur mal so am Rande: auch wenn sie betrunken gewesen wäre, hätte sie eventuell trotzdem Hilfe benötigen können.

In den nächsten zwei Tagen haben wir es uns von dem Geld so richtig gut gehen lassen.

1984: Aus irgendwelchen Gründen, die ich nicht mehr nachvollziehen kann, war die Verbindung zwischen Su und mir irgendwann abgebrochen.

Inzwischen hatte ich mit dem Trinken aufgehört. Eines Morgens war ich wie üblich zu real am Kotti gegangen, um mir mein Frühstücksbier zu holen. Ich öffnete die Dose Karlsquell, setzte an und spuckte in hohem Bogen wieder aus, was ich im Mund hatte. Das schmeckte widerlich! Ich sagte in die Runde, dass mein Bier anscheinend schlecht sei und fragte, ob mich jemand mal von seinem Bier kosten lassen würde. Jede Dose, die ich kostete, schmeckte gleich Scheiße. Also ging ich wieder zu real und kaufte mir einen Liter Kakao und einen halben Liter Tomatensaft. Das war besser!

Natürlich stieß ich auf Unverständnis unter meinen Mitstreitern im Kampf um das tägliche Vergessen. Und ich musste feststellen, dass Besoffensein gar nicht so lustig ist, wenn man selbst nicht besoffen ist.

Ich hielt mich von nun an meistens allein am Görlitzer auf. Es wurde immer wärmer, der Sommer näherte sich. Zwei Türen neben dem Elefanten am Heinrichplatz stellte der Imbiss-Besitzer einen Softeis-Automaten vor die Tür. Und er hatte nicht nur Schoko und Vanille, er hatte auch Erdbeer-Wassereis. Nun hatte ich ein neues Ziel: So viel Erdbeer-Wassereis wie möglich essen!

Ich neige zu exzessivem Verhalten. Wenn ich etwas mag, brauche ich es immer und immer wieder. Das ist bei Musik genauso wie beim Essen oder anderen Dingen. Ich kann einen Song monatelang immer und immer wieder ohne Unterbrechung hören. Eine Weile habe ich mich ewig von Döner Kebap ernährt; zum Frühstück, zum Mittag, zum Abendbrot. Zu einer anderen Zeit waren es Bier und Pommes. In dieser Phase musste ich feststellen, dass man kein Seemann sein muss, um Skorbut zu bekommen. Bier und Pommes enthalten anscheinend nicht die geringste Spur Vitamin C oder anderen Scheiß, den ein menschlicher Organismus benötigt. Es dauerte nicht lange, bis ich – wo ich ging und stand – eine beachtliche Pfütze an Blut zusammengespuckt hatte.

Als mir dann beim Abnagen eines Knochens, den ich im Mülleimer eines Imbiss gefunden hatte, das untere Kiefergelenk aus der Pfanne sprang und ich allgemein in sehr schlechter Verfassung war, musste ich zum Arzt, der mir ’ne fette Vitaminspritze gab und mir riet, mich besser zu ernähren. Trotz dieser Erfahrung konnte ich dieses Verhalten im Laufe der Jahre nicht ablegen, passe aber inzwischen besser auf mich auf.

Ich fragte also nicht mehr nach ’ner Mack für Bier, ich fragte nach 50 Pfennig für ein Eis. Das ging sogar noch viel einfacher. Die Leute wunderten sich über meine Bescheidenheit und gaben meistens trotzdem ’ne Mack.

Eines Tages kam ein Mann im Anzug vorbei. Auch ihn fragte ich nach 50 Pfennig und machte mich auf einen netten Spruch gefasst. Er blieb jedoch freundlich, als er sagte »Du kaufst dir doch niemals Eis dafür, du gibst das Geld doch für Bier aus.«

Ich widersprach ihm und erklärte, wo der Eismann stand und dass ich dort regelmäßig hinging. Dass eine Portion Eis nur 50 Pfennig kostete. Er sagte, dass er mir 50 Mack geben würde, wenn sich meine Geschichte bestätigt. »Kein Problem, komm mit!«, antwortete ich.

Der Eismann erkannte mich schon von weitem und begann, ein Eis zu zapfen. Als ich bei ihm war, hielt er mir das Eis hin, und der Mann im Anzug fragte den Eismann ganz erstaunt, ob ich öfter käme. Der Eismann erzählte ihm, dass ich seine beste Kundin sei, niemand käme öfter.

Der Mann im Anzug hielt sein Wort. Er gab mir einen 50-Mack-Schein, den ich sofort an den Eismann weitergab. Strichliste führen war einfacher und sicherer.

Die nächsten zehn Tage waren gesichert.

8 KOMMENTARE

  1. Also ehrlich gesagt ich finde diesen Bericht ur traurig und deprimierend. Meine Punkzeit war GottseiDunk nicht so sinnlos. Leider hat diese „Punk-Revolution“ gar nichts gebracht. Viele sind schon tot oder haben ihr Leben für ein paar Bier vertan. Und der Erfolg von der ganzen Sinnlosigkeit ist, das heute überall die Rechten an die Macht kommen. Ich hatte auch immer die Illusion, das Punk mehr ist als ne Mak zu schnorren und sich Kübelweise Alk reinzuschütten. Ende der 80er ist Punk überhaupt zu einer Bettlerbewegung verkommen. In Wien wurden die bettelnden Punx auch noch agrassiv, wenn du ihnen nix gegeben hast. Ich hab nicht mehr viel Sympathie mit Typen die überhaupt nichts weiterbringen; die herumhängen auf den Staat schimpfen und sich die Sozialhilfe abholen. Nicht falsch verstehen, jedem steht seine Sozialhilfe zu, aber wenn einer auf alle scheißt, dann sollte er auch deren Kohle ablehnen. Da könnt ich mir ja gleich ein Schild umhängen auf dem draufsteht „ich bin leider unfähig bitte spuck mich an“. Aber tu dir nix an, die Menschen aus unseren Generationen, die keine Punx waren haben auch nur MIST gebaut. In den letzten 50 Jahren also genau unserer Lebenszeit ist die Erde so verkommen und verdreckt worden wie nie zuvor. Kein Wunder bei Menschen deren wichtigstes Anliegen ne Mak für ein Eis ist. – Naja . . .

  2. Hallo Panza, ich bin weitgehend deiner Meinung. Kleiner Einwand vielleicht. Wenn mehr Menschen nicht mehr als ein Eis wollen würden würde es der Welt wohl besser gehen. Alles was wir so wollen (Konsum) verdreckt die Welt ja. Das ist eigentlich auch was was am Punk, zumindest was bei mir so ankam, nicht schlecht war. Die Konsumkritik. Natürlich war auch das wohl eher weitestgehend Geschwafel. Wer es sich irgendwann leisten kann hat sein Entsprechendes Auto Wohnung Flugzeug. Ich nehm mich da auch nicht sonderlich aus.
    Wiedemauchsei, wenn auch ein wenig deprimierend, war das eine Geschichte aus Ihrem Leben. Mich würde interssieren wie es weitergegangen ist.

  3. hey panza, klar, ich hätte es auch bevorzugt, von liebevollen menschen großgezogen zu werden, aber das universum hat mir nun mal einen pädophilen alkoholiker & eine soziopatin an die seite gestellt.
    aber es freut mich, dass du es anscheinend besser getroffen hast. so kannst du voller verachtung auf die herabschauen, die es nicht so gut hatten. bravo!
    & auch wenn ich heutzutage arbeiten gehe, bin ich immer noch punk. punk ist eine lebenseinstellung, keine phase

    • Hey kela, ich hab auch viel Zeit meines Lebens „nix Vernünftiges“ gemacht und es könnte sein, wenn ich per Zeitmaschine den 1980er Panza treffen würde, das mir der Typ ziemlich auf die Nerven gehen würde. Vielleicht habe ich in meinem Kommentar den Mund sehr voll genommen. Punk ist natürlich eine Lebenseinstellung, aber auch eine Phase, aus der vieles übergeblieben ist.
      Nur Punk ist mir zu wenig. Meine Eltern haben uns zwar wirklich geliebt, aber unser Papa hat uns heftig verprügelt, weil er der Meinung war uns damit etwas Gutes zu tun. Ich denke aber ab einem gewissen Alter „ist man für sein selber Gesicht verantwortlich“ – wie irgend ein bekannter Mensch einmal gesagt hat. Ich war ja vor dem Punk zB großer Anhänger von John Lennon, Hawkwind oder Leonard Cohen – also eigentlich Hippie. Nach der Punkzeit war ich 8 Jahre auf einem Bergbauernhof und habe die Alm gemacht und gelernt Käse und Butter zu machen. Zu der Zeit hörte ich Volksmusik und Weltmusik und lernte Geige zu spielen. Seither ist viel passiert. Heute bin ich eine Mischung aus Hippie, Punk, Almöhi und wer weiß was noch alles. Der Rebel lebt in mir auch weiter, nur rebeliere ich gegen andere Probleme als 1980.
      Ich kenne kaum mehr „junge“ Punx, weil sich die in Wien sehr zurückziehen. Wir wollten auf uns aufmerksam machen und die heutigen ziehen sich zurück und wollen ihre Ruhe.

      Ich schaue sicher nicht voll Verachtung auf irgend jemanden der grad nicht weiß was er tun soll und ein kleiner Punk macht garantiert weniger Schaden als so mancher „normale“ Typ.
      Ich bedauere auch das so viele meiner alten Punkfreunde sich bereits verabschiedet haben – die meiste Freude hab ich aber an denen, die noch leben.
      Sorry ich wollte dich nicht beleidigen und hoffe das es dir gut geht.
      Viele Grüße
      Panza

  4. An kela Ps: Ich finde deinen Betrag trotz allem sehr gut weil er ein Gefühl vermittelt, das ich natürlich auch kenne. Deine Schilderung ist sehr „farbig“ auch wenn das Umfeld grau ist.
    Meine Kritik richtet sich eigentlich auch gegen mich selbst, denn ich frage mich oft was wir wirklich geschafft haben. Viel ist es nicht !

  5. hey panza,
    hast mich nicht beleidigt, das kann so gut wie niemand; ich weiß, wer ich bin. & danke der nachfrage, ich habe meinen weg gemacht, habe wohl noch einiges vor mir & fühle mich derzeit tatsächlich gut.
    nach dem wie du dich geschildert hast, hast du sehr wohl deinen weg gemacht & fußspuren hinterlassen. & bestimmt auch den einen oder anderen beeinflusst.
    & wenn es mich wieder überkommt & die worte aus mir herausströmen, folgen weitere teile.
    bis dahin
    euch allen eine schöne zeit

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