Wie bereits erwähnt, wurde das Besetz-A-Eck am Heinrichplatz in Berlin-Kreuzberg am 18. Juni 1983 geräumt; die Besetzer bekamen als Unterkunft Zelte vom Roten Kreuz zur Verfügung gestellt. Fünf Zehn-Mann-Schlafzelte und ein großes Gemeinschaftszelt für Kühlschrank, Herd und weiterem Hausrat. Den Strom bekamen wir von der Kirche, und einen Wasseranschluss gab es auch. Somit hatten wir es recht gemütlich.

Im Rücken die Mauer, an der einen Seite die Kirche, auf der anderen Seite das Rauchhaus und geradeaus die perfekte Aussicht über den Mariannenplatz (der laut Google 350 Meter lang ist). Eine große Wiese, rechts und links begrenzt von je einem Gehweg, der auf der anderen Seite von Büschen, Bäumen und Laternen gesäumt ist. Perfekte Wohnlage. Und gar nicht teuer.

Es war beinahe Sommer, es regnete nicht, also legten wir Teppiche auf den Platz und stellten Sofas, Sessel und Tische nebst Fernseher und Musik-Anlage drauf. Freiluftwohnzimmer.

Irgendwie war immer jemand da. Diejenigen, die nicht gerade arbeiten waren – sprich: am Kotti oder Görlitzer schnorren – oder Kulturpflege im SO oder KZ36 betrieben, genossen die gemeinschaftlichen Aktivitäten. Es kam auch öfter vor, dass gemeinsam gekocht und gegessen wurde. Und um die vielen Hunde haben wir uns auch gemeinsam gekümmert.

Leider gab es Anwohner, die uns nicht mochten. Irgendwann formierte sich die Kiezwache, die rund um den Mariannenplatz und ums Zeltlager Streife ging. Tag und Nacht. Und dann wurde es gruselig.

Einmal ging ich nachts guter Laune, weil schön breit, den Weg entlang Richtung Zeltlager. Ich lauschte den Nachtigallen, und plötzlich sprang vor mir eine Person aus dem Gebüsch heraus. Ich weiß nicht mehr, was der Bursche gesagt und was ich geantwortet habe, aber wir gingen nicht gerade freundlich auseinander.

Ich weiß nicht, warum sich die Anwohner von uns bedroht fühlten, aber ich weiß, dass diese Kiezstreife anfing, uns zu bedrohen. Bis eines Morgens mehrere unserer Hunde tot waren. Der Kotze und dem Schaum an den Schnauzen nach hatten alle vergiftete Köder gefressen. Danach begannen wir, unsere eigenen Wachen aufzustellen.

Damals lernte ich auch, mein Recht am eigenen Bild zu verteidigen. Die Touristen kamen gerne vorbei – in das Ghetto, den Zoo, die Sehenswürdigkeit – um ein wenig Gefahr zu schnuppern. Wann immer einer von denen die Linse auf einen von uns richtete und die Warnungen, es nicht zu tun, ignorierte, wurde er höflichst gebeten, 5 Mack rüberzuschieben oder den Film aus der Kamera zu holen. (Wir erinnern uns, 1983 gab es noch keine Digitalkameras. Ein Foto bedeutete alle Fotos.)

Irgendwann wurde das Zeltlager zur Touristenattraktion. Die Busgesellschaften karrten die Touris reihenweise ran. Anfangs blieben sie nur kurz stehen, um vom Bus aus Fotos zu machen. Bis sie eines Morgens ganz früh kamen. So gegen halb neun oder neun. Als einer von uns gerade an die Mauer pisste. Da stieg doch tatsächlich einer der Touris aus, um ihn von ganz nahe zu fotografieren. Wie üblich wurde er eingekreist, aber diesmal gab es keine Entscheidung. Den Film war er los.

Danach kamen dann nicht mehr ganz so viele Busse.

In der Rubrik PUNKSPLTTER stellen wir (nicht nur) autobiographische Texte rund um Punk vor. Für alle, die mitschreiben wollen, haben wir weitere Infos vorbereitet.

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