Im Herbst 1982 gab´s in der hannoverschen Presse eine Enthüllung, die alle Punks betraf: Die Bullen hatten in den letzten Monaten eine Kartei angelegt, in der sie gezielt Daten über die Punk-Szene sammelten, so daß sogar Datenschützer Bedenken bekamen.

Die hannoversche Punkszene war nun allerdings nicht wehrlos und überließen den Widerstand gegen die sogenannte »Punker-Kartei« nicht ausschließlich der Polit-Szene: Drei Punks begannen, gegen ihre Eintragung in die Kartei zu prozessieren, und schon bald trafen wir uns, um eine größere Aktion zu organisieren.

Wir wollten ein riesiges Punk-Treffen veranstalten, zu dem auch alle »Pseudo-, Mode, -Karnevals-, Pattex- und Disco-Punks« eingeladen waren, auf »daß der Polizei-Computer vor lauter ätzender Punk-Daten explodiere«. Die schon vorhandenen Daten sollten so wertlos gemacht werden und für die Bullen unmöglich herauszufinden, welche Punks nun »echt« waren oder nicht. Das totale Chaos auf der Straße und bei der Polizei !

Als wir nur noch ein zündendes Motto suchten und uns dabei die Köpfe heißredeten, war es Holy, der in bekannt herzhafter Art die Sache auf den Punkt brachte: »Schluß mit dem Gequatsche, ist doch ganz einfach: Wir wollen Chaos, also is´ CHAOS-TAG!«. So, jetzt wißt ihr wenigstens mal, wem ihr die schöne Bezeichung CHAOS-TAG zu verdanken habt!

In den folgenden Wochen ließen wir Unmengen von Flugblättern und Plakaten auf die Menschheit los, auf denen wie im Countdown den »Untergang Hannovers« beschworen wurde. Enorm half uns die DEAD-KENNEDYS-Tour, die gerade stattfand. Es gelang uns, irgendwie über die Reihen breitschultriger Ordner-Arschlöcher Kontakt mit dem DK-Schlagzeuger aufzunehmen, und kurze Zeit später war die ganze Band über die Sache informiert. Kurzerhand wurde der Song »Nazi-Punks – Fuck Off!« zu«Chaos Day – Chaos Day« umgetauft, und Wolle wurde auf die Bühne geholt, um die Werbetrommel für unser Treffen zu rühren. Wolle fuhr dann auch den Rest der Tour mit, um auch in anderen Städten zum CHAOS-TAG einzuladen und schwärmte nach seiner Rückkehr vom Dopevorrat der Band, von »Riegeln so groß wie ’ne Tafel Milka-Schokolade« …

Als ich mich dann endlich am Tag der Tage, dem 18.12.82, zum Kröpcke, dem geplanten Treffpunkt, einfand, waren schon über 500 Leute da, also deutlich mehr als bei den vorangegangenen großen Treffs in Wuppertal. Die Stimmung war bestens und wurde noch besser, als im Laufe der folgenden Stunde die Anzahl auf 800 anschwoll.

Mitten drin eine Gruppe von ca. 20 Skins, die in erster Linie durch ihre lauten Gesänge auffielen und sich ansonsten bestens mit den Punks verstanden. Das lag in erster Linie daran, daß nach einer heftigen Schlacht in der Kornstraße englische Skins dem Nazi-Oberglatze auf die Fresse gegeben und zusammen mit dem neuen »big man« Mario dafür gesorgt hatten, daß keine Attacken mehr stattfanden. Nach ihrer Ansicht sollte es sein wie in England:«OI for Punks, and OI for Skins!«.

Die Polizei verhielt sich anfangs recht zurückhaltend, und alles sah nach einem lockeren Treffen auf. Als sich dann jedoch die Demo formierte, kam es zum erwarteten Showdown. Der Einsatzleiter erklärte die Demo per Megaphon für aufgelöst, wegen »Sachbeschädigungen«, womit wohl einzelne Flaschen gemeint waren, die hier und da zu Boden gingen.

Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, marschierte eine ganze Garde grüner Roboter mit Helm, Schild und Knüppel auf und begann die Demo auseinanderzutreiben. Sofort wurden sie mit einem Hagel von Flaschen bombardiert, und auch ein naheliegender Gemüsestand wurde geplündert und Birnen und Äpfel als Wurfgeschosse mißbraucht.

Nach einem harten Knüppeleinsatz verteilte sich die Demo in alle Richtungen. Kaufhäuser wurden mit Buttersäure beglückt, und vereinzelt gingen Scheiben zu Bruch. Am Steintor schließlich der Showdown: Die flüchtenden Punx & Bundesgenossen freuten sich über die Baustelle, die da auf ihrem Weg lag und bedienten sich der massig herumliegenden Steine …

Nach einer kurzen, aber heftigen Schlacht war der Spuk mit einem Mal vorbei. Man zog sich in die Korn zurück, wo am Abend ein Konzert anstand.

Ansonsten war die Stimmung bestens: Es hatte keine Idioten-Aktionen gegeben, und die Schlagzeilen waren uns sicher. Aber trotzdem war es nicht das gewesen, was wir geplant hatten: Wir wollten eigentlich keine Schlacht mit der Polizei, sondern in erster Linie das totale Chaos in der City, über Stunden hinweg.

So aber war nach einem kurzen Treffen die Sache eskaliert und zerschlagen worden.

 

(Auszug aus: „Streetpunk“ – eine ZAP-Sonderausgabe von 1994, in der u.a. die Geschichte der Chaostage erzählt wird. Das vollständständige Heft kann für PUNKFOTO-Mitwirkende (also für alle Mitglieder, die mindestens 5 Fotos aufgeladen haben, oder aber für solche, die PUNKFOTO finanziell unterstützen) kostenlos heruntergeladen werden!

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